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Die Kimyal sind die kleinsten Menschen der Welt.

Arte-Doku ''Im Reich der Zwergenmenschen'': Die Kimyal sind die kleinsten Menschen der Welt und reichen dem Deutschen Reiner Garve, dem Bruder des Filmemachers, gerade bis zum Bauch. / Foto: ARTE France / © NDR/Roland Garve

Eine Reise nach West-Papua

Arte-Doku ''Im Reich der Zwergenmenschen''

Wenn Häuptling Sebiat nachts in seine Hütte kriecht und seine Frau und seine beiden Kinder eng an ihn heranrücken, dann mischt sich ins Atmen der Schlafenden ein leises Grunzen. Das Hausschwein ruht Rücken an Rücken mit den Bewohnern – obwohl die Hütte winzig und niedrig ist: höchstens 1,50 Meter hoch. Das Tier ist wie eine lebende Wärmflasche, ein geschätztes Familienmitglied. Jedenfalls bis zum Schweinefest.

Viele Tausend Flugkilometer liegen zwischen dem Stamm der Kimyal im Hochland von West-Papua und ihren Besuchern aus Deutschland – und viele Zentimeter. Die Kimyal sind die kleinsten Menschen der Welt. 1,40 Meter klein die Männer, 1,30 Meter die Frauen. Wenn der 1,90 Meter große Roland Garve, Zahnarzt und Ethnomediziner, neben Häuptling Sebiat steht, wirken die beiden wie David und Goliath.

Der Grund für den Zwergwuchs? Eine von vielen Fragen, die Garve und Filmemacher Andreas Kuno Richter untersuchen wollen. Seit Jahren sind die beiden gemeinsam unterwegs. Seine Zahnarztpraxis in Geesthacht bei Hamburg hat Garve vor drei Jahren geschlossen.

Ausgangspunkt für die Expedition ins Hochland von West-Papua ist Wamena, der "Ort der Schweine". Wamena ist der letzte Vorposten der Zivilisation, hier gibt es Internetcafés und Indonesier in westlicher Kleidung. Die vereinzelten halb nackten Kimyal in den Straßen wirken wie von einem anderen Stern.

An einem dunstigen Morgen starten Garve und Richter mit einem Propellerflugzeug Richtung Hochland. Der Flug ist riskant. Undurchsichtige Regenwolken können die Sicht versperren, Bergrücken müssen umflogen werden. Aber die Landung auf einem freien Flecken im Dschungel gelingt. Die beiden Männer suchen sich ihren Weg und deponieren ihre Ausrüstung in einem von Missionaren verlassenen Haus.

Arte-Doku Im Reich der Zwergenmenschen

Der Filmemacher Roland Garve mit einer Kimyal-Frau (Foto: ARTE France / © NDR/Miriam Garve)

Die erste Begegnung mit den Kimyal ist wortlos, eine stumme Annäherung. "Sie wollen dich durch Berührung begreifen", erklärt Richter. Garve gibt dem Häuptling ein Plastikfeuerzeug und zeigt ihm, wie auf Fingerdruck ein Funke entsteht – da ist der Bann gebrochen. In den folgenden Tagen werden die beiden Männer ein Volk erleben, das sich mit einfachsten Mitteln eingerichtet hat.

Sie zeigen in ihrem Film, wie die Kimyal Süßkartoffeln anpflanzen, die zu ihren Hauptnahrungsmitteln zählen. Sie halten fest, wie die Kinder Raupen und Insekten rösten und sich damit wichtiges Eiweiß holen. Die einseitige Ernährung, vermutet Mediziner Garve, könnte auch ein Grund für ihren Kleinwuchs sein.

Die Besucher beobachten, wie die Kimyal mit dem Pfeil Fische erlegen. Und sie sind dabei, als sich das Zwergenvolk zum großen Schweinefest schmückt, als die Krieger Federschmuck anlegen und in einen tranceähnlichen Tanz versinken. Höhepunkt des Festes ist die Tötung eines Schweines durch einen gezielten Pfeil. Das Fleisch wird in Blätter gewickelt und in einem Erdofen gegart. Auch die Fremden erhalten ein Stück.

"Ein Zwiespalt", so Richter. "Einerseits will man ihnen nichts wegessen, andererseits wäre es unhöflich abzulehnen." Die Zwergmenschen kommen ihnen nah – und bleiben doch fremd. Bis vor wenigen Jahren gab es Kannibalismus, erfahren die Forscher. Im Nachbardorf treffen sie auf eine Frau, deren Hand verstümmelt ist. Lachend erzählt sie, dass sie Witwe sei und ihre Fingerkuppen ihrem toten Mann mitgegeben habe, damit ihn ein Teil von ihr immer begleite. Das sei so Brauch. Wenn viele Angehörige sterben, wird es knapp mit den Fingern, denn wenigstens der Daumen muss erhalten bleiben.

Echtes Anglerlatein

Roland Garve geht als Forscher durch die Dörfer, aber er will auch als Arzt helfen. Entzündete oder wackelnde Zähne zieht er unter örtlicher Betäubung. "Als die Kimyal feststellten, dass der Eingriff offenbar schmerzlos ist, bildete sich sofort eine lange Schlange", erinnert sich Richter.

Die heiterste Szene erleben die Filmemacher beim Fischen: Häuptling Sebiat demonstriert, wie groß der Fisch war, den er einst gefangen hat. Ein wahres Monsterexemplar, folgt man seiner Armspanne. Anglerlatein ist im fernen West-Papua offenbar genauso verbreitet wie anderswo auf der Welt.


Sendehinweis: ''Im Reich der Zwergmenschen''

Ethnomediziner Roland Garve bei den Kimyal in West-Papua
Mo, 16.9., Arte, 18.25 Uhr

Autor: Angela Meyer-Barg