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Rudi Cerne

Seit 2002 moderiert Rudi Cerne "Aktenzeichen XY ... ungelöst".
Foto: © ZDF / Tim Thiel

Rudi Cerne zur 500. Folge

"Aktenzeichen XY ... ungelöst": Unsere bewegendsten Fälle

Zur 500. Ausgabe der Fahndungssendung "Aktenzeichen XY ... ungelöst" berichtet Moderator Rudi Cerne von den größten Erfolgen und ergreifenden Momenten.

"Wie an jedem Nachmittag spielt die kleine Lisa Krämer auch heute im Sandkasten. Von dort sind es nur ein paar Schritte bis zu ihrem Elternhaus. Normalerweise hat Marianne Krämer stets ein Auge auf ihre dreijährige Tochter. Heute jedoch wird die junge Mutter am Telefon aufgehalten. Als sie endlich aus dem Küchenfenster schaut, ist es draußen bereits dunkel …"

Wenn Rudi Cerne in "Aktenzeichen XY … ungelöst" Sätze wie diese spricht, weiß man als Zuschauer sofort: Marianne Krämers Tochter ist verschwunden! Und nun wird die kleine Lisa im Fernsehen gesucht. Eingeblendet ist außerdem ein Fahndungsfoto, das einen bislang unbekannten Mann zeigt. Er soll sich zum Zeitpunkt von Lisas Verschwinden am Tatort herumgetrieben haben.

"Das Zeigen von echten Indizien ist eine der großen Stärken der Sendung", erklärt Cerne. "Zudem stellen wir eine größtmögliche Öffentlichkeit her, von Flensburg bis Garmisch-Partenkirchen und über die Landesgrenzen hinaus. Die Polizei kommt immer zu uns, wenn die herkömmlichen Ermittlungsmethoden ausgeschöpft sind."

Jede Sekunde zählt

Auch in der 500. Ausgabe von "Aktenzeichen XY" wird das wieder so sein (Mi., 14.10., ZDF, 20.15 Uhr). Denn die älteste Fahndungssendung Deutschlands, die einzige, in der das Publikum hilft, Verbrechen aufzuklären, will auch zum Jubiläum nicht feiern, sondern weiter nachforschen. "In unserer Jubiläumsausgabe wird es kein großes Special geben", erklärt Moderator Rudi Cerne im Exklusiv-Interview mit HÖRZU. "Die Fälle stehen im Vordergrund und die Ermittlungen. Dabei zählt jede Sekunde."

Das Prinzip gilt seit 1967. Damals erfand ZDF-Redakteur Eduard Zimmermann die Sendung um wahre Verbrechen, eigentlich die "Mutter aller deutschen Reality-Shows". Er wurde auch Moderator und später zum Gesicht des Formats.

Sein Nachfolger Rudi Cerne erinnert sich an die skurrile Entstehungsgeschichte: "'Aktenzeichen XY … ungelöst' ist von Zimmermann erfunden worden, weil er vorher selbst betrogen worden war. Er hatte ein Fertighaus bestellt, doch das Dach war nicht mitgeliefert worden. Angeblich, so die Firma, musste es extra bezahlt werden. Anschließend klärte Zimmermann in der Sendung 'Vorsicht Falle!‘ die Zuschauer über derart miese Methoden auf. Kurz darauf wurde 'Aktenzeichen XY' aus der Taufe gehoben."

Mehr Zuschauer, mehr Erfolge

Tatsächlich wurden im Lauf der Jahre viele Verbrechen aufgeklärt. Im Jahr 1999 waren 37 Prozent aller seit 1967 vorgestellten Fälle gelöst. 2015 lag die Aufklärungsquote schon bei knapp 41 Prozent.

Cerne: "Dieser Erfolg hängt mit der Aufklärung vieler Altfälle durch die DNS-Analyse zusammen. Ein Büschel Haare war vor 13 Jahren nur ein Indiz, heute reicht zur Identifizierung eines Täters bereits eine Hautschuppe aus. Neulich etwa wurde ein acht Jahre zurückliegender Mord aufgeklärt, weil bei dem damaligen Täter eingebrochen wurde." Denn am Tatort des Gewaltverbrechens, so der Moderator, seien DNS-Spuren gefunden worden, die zum Zeitpunkt des Verbrechens noch nicht aktenkundig waren. Nach dem Einbruch fanden Kriminalbeamte denselben genetischen Fingerabdruck beim Einbruchsopfer: "Verrückt, aber wahr ist, dass dieses daraufhin vernommen wurde und die Tat sofort gestanden hat."

Cerne ergänzt: "Wir wärmen diese sogenannten 'cold cases', die 'kalten Fälle', regelmäßig in der Sendung auf, denn wir möchten die Mörder an drei Dinge erinnern: dass sie Gewalttäter sind, dass ihre Taten nicht vergessen werden und dass die Polizei niemals Ruhe gibt!"

Cerne hofft: "Wahrscheinlich ist das für die Täter so, als trügen sie einen großen Fleck auf dem Hemd - und jeder starre sie an. Der Druck auf Täter und Mitwisser ist riesig."

Apropos Mitwisser: Als HÖRZU Rudi Cerne nach seinen bewegendsten Fällen fragt, erinnert sich der Moderator an ein besonders denkwürdiges Verbrechen: "Am 4. November 1982 verschwand die schwangere, 18-jährige Lolita Brieger. Die Akte wurde, wie alle anderen Mordfälle, nie geschlossen.

2011 haben wir über diesen Fall berichtet, und die Polizei Trier appellierte in der Sendung an das Gewissen möglicher Mitwisser und wies darauf hin, dass eine derartige Hilfe verjährt sei. Tatsächlich konnte über den Hinweis eines Mitwissers die Leiche von Lolita Brieger gefunden und der Fall endlich geklärt werden."

Mord verjährt niemals

Ebenfalls unvergesslich findet Cerne nach wie vor den Fall "Sigrid Paulus": "Frau Paulus wurde sieben Jahre lang vermisst. Ihre Tochter wollte unbedingt, dass der Fall bei 'Aktenzeichen XY' aufgenommen wird. Nach der Sendung gab es den Hinweis, dass es kurz nach Sigrid Paulus' Verschwinden Veränderungen im Garten des gemeinsamen Hauses gegeben hatte. Die Kripo ging dem nach. Als sie mit einem Durchsuchungsbeschluss anrückte, führte der Ehemann die Beamten in den Keller. Im Streit hatte er seine Ehefrau getötet und im Sockel eines Weinregals eingemauert. Als ich das hörte, bekam ich eine Gänsehaut."

Es gibt viele weitere Schicksale, die Cerne seit Jahren nachgehen. Der Moderator zu HÖRZU: "Zwei dieser Verbrechen handeln von verschwundenen Kindern. Zum einen geht es um die zehnjährige Hilal Ercan aus Hamburg, die 1999 von ihrem Vater mit einer D-Mark für gute Schulnoten belohnt wurde. Hilal wollte sich davon Süßigkeiten kaufen - doch auf dem Weg zum 50 Meter entfernten Einkaufszentrum verschwand sie spurlos.

Ebenso ergreifend war der Fall von Levke Straßheim aus Cuxhaven, der unterdessen gelöst ist: Der Mord an diesem kleinen Mädchen wurde bei uns nachgestellt. Die kleine Darstellerin, die Levke gespielt hat, sah ihr zum Verwechseln ähnlich. Levke kam von der Schule nach Hause, hatte ihren Schlüssel vergessen und wartete auf ihre Eltern. So fiel sie dem Sexualstraftäter Marc Hoffmann in die Hände, der sie erdrosselte."

Spezialausgabe "Wo ist mein Kind?"

Fälle wie diese inspirierten die Redaktion von "Aktenzeichen XY", eine Spezialausgabe mit dem Titel "Wo ist mein Kind?" zu produzieren, die seit 2011 ein- bis zweimal im Jahr läuft. Hinter den Kulissen dieser Sendungen kommt es, so Cerne, oft zu sehr bewegenden Begegnungen.

Der Moderator: "Natascha Kampusch, die Eltern von Madeleine McCann und die Sängerin Romina Power waren bei diesen Spezialausgaben in unserem Studio. Diese prominenten Fälle erhöhen die Einschaltquote von 'Aktenzeichen XY'. Das ist vorteilhaft, weil auf diese Weise auch die anderen Verbrechen von mehr Menschen wahrgenommen werden. Außerdem sind prominente und nicht prominente Gäste hier Leidensgenossen. Hinter den Kulissen führen die Betroffenen viele Gespräche. Der Erfahrungsaustausch von Romina Power und anderen Eltern, die ihr Kind vermissen, hat mich fassungslos gemacht. Und die McCanns haben mir erzählt, dass ihre Hoffnung auf ein Wiederauftauchen ihrer Tochter sieben Jahre nach deren Verschwinden nicht mehr so hoch ist. Aber, so der Vater, solange es keinen Beweis für den Tod von Maddie gebe, würden die Eltern alles versuchen. Deshalb auch ihr Auftritt bei 'Aktenzeichen XY'."

In der Vergangenheit gelang es Cernes Team bereits mehrfach, verschwundene Menschen aufzuspüren. Der Moderator erinnert sich: "Ein gutes Beispiel für die Kraft der Öffentlichkeit ist der Fall eines Mannes, der mehrere Hunderttausend Euro unterschlagen und sich dann nach Südamerika abgesetzt hatte. Dieser Fall war schon geklärt worden, bevor er bei 'Aktenzeichen XY' gezeigt wurde. Die Kripo hatte die Angehörigen des Mannes mit den Folgen der Ausstrahlung konfrontiert - und ihnen geraten, ihn umgehend anzurufen, falls sie wüssten, wo er steckt. Denn man müsse, so die Kripo, nun davon ausgehen, dass auch in Südamerika bekannt sei, wie reich er nach dem Diebstahl ist - und dass das eine hohe Gefahr für sein Leben bedeute. Daraufhin stellte sich der Mann."

Ein Format mit Zukunft

So viele Fälle, so viele Tragödien. Wird man dabei nicht irgendwann amtsmüde - wie mancher echte Kriminalkommissar? Rudi Cerne winkt energisch ab. Ganz im Gegenteil! Seine Motivation sei "sehr groß! Im Fernsehen gibt es ein riesiges Spektrum an Sendungen und dauernd neue Formate. Beständig bleiben zu können ist eine große Freude. Das erfüllt uns alle mit großer Genugtuung und auch ein Stück weit mit Stolz. Ein weiteres Zauberwort in der Medienlandschaft heißt Relevanz - und 'Aktenzeichen XY' ist sehr bedeutsam. Es ist eine der wichtigsten Sendungen."

Autor: Mike Powelz